Im Land der Vulkane und der farbenfrohen Stoffe.

Guatemala City
Anfang zweites Viertel Mai 2024. „Ah, deshalb fahrt da kana her!“
Nach zwei überraschend angenehmen Flügen von Guayaquil über Panama City nach Guatemala City mit Copa Airlines, die noch wie die guten alten Airlines operieren und selbst bei kurzen Flügen mit kostenfreien Snacks, Getränken, Kopfhörern und Entertainment aufwarten, landen wir schließlich im nächsten Betondschungel, in dem uns erneut die Hälfte der Bevölkerung maximal bis zum Bauchnabel reicht. Die meisten Guatemala-Reisenden landen hier nur und lassen sich direkt mit einem Shuttle in schönere Regionen bringen. Und nach unseren 2 Tagen Aufenthalt, wissen wir auch warum. Die Hauptattraktionen auf Reise-Plattformen für Guatemala City sind ein Zoo und diverse Shopping Center. Durch die geringe Touristendichte ist auch das Angebot an Free Walking Tours besonders klein und während unseres Aufenthalts gibt es leider gar nichts Passendes. Bei einem Spaziergang durch die Stadt finden wir drei oder vier herausgeputzte Gebäude und das war’s auch schon. Was hier vor allem fehlt, ist der Charme. Nachdem wir unsere wenigen Kleidungsstücke, die wir für uns beide in nur einen großen Rucksack in den letzten 6 Monaten mit uns geschleppt haben, mittlerweile tatsächlich etwas überstrapaziert haben, folgen wir den Tipps für Guatemala City und hauen uns tatsächlich ein paar Stunden in ein Shopping Center. Aus den Uber-Fahrern, die wir als Stadtführer zweckentfremden, quetschen wir aber am Ende dann doch noch ein paar Informationen über das Leben in der Hauptstadt heraus. Interessant ist aber im Grunde nur die Taxi-Uber-Rivalität, aufgrund welcher es in manchen Stadtteilen gar keine Uber-Fahrer mehr gibt. Denn wer den Taxifahrern hier das Geschäft wegnehmen möchte, muss mit dem sicheren Tod rechnen. Also alles genau so, wie wir es uns vorgestellt hatten. Für lustigere Geschichten fehlt uns hier irgendwie die nötige Inspiration.
Semuc Champey
Anfang zweites Drittel Mai 2024. „Oida, mir rinnt im Sitzen die Supp’n obe.“
Matthias braucht eine Aufgabe. Also leihen wir uns für seine Beschäftigung ein Auto mit 4 verschiedenen Reifen aus, dessen Scheiben so stark abgedunkelt sind, dass es sich während der der nächsten 6 Tagstunden unserer Fahrt für mindestens 6 Stunden so anfühlt, als wäre es kurz nach Sonnenuntergang oder kurz vor einem Gewitter. Die anfangs gute Laune von Matthias lassen wir dann kurzzeitig im Stadtverkehr zurück, wo sich zwischen den im Stau stehenden Autos, in denen die meisten Fahrer:innen nur knapp über das Lenkrad sehen können, nicht nur jede Menge helmloser Moped- und Motorradfahrer:innen hindurchquetschen, sondern vor allem kostümierte Akrobat:innen sowie Blumen- und Chipsverkäufer:innen, die alle auf ein paar Quetzales hoffen. Nach ungefähr 1,5 Stunden Mexiko-Flashback hinsichtlich der Straßenbeschaffenheit, bei dem durchwegs schwer abzuschätzen ist, ob es sich um ein Schlagloch oder doch nur einen Schatten handelt, lassen wir die bunten Leuchtreklamen der unzähligen Fastfoodketten dann schließlich hinter uns.
Die folgenden 250 km, für die wir über 5 Stunden brauchen, fahren wir auf der ohnehin bereits kurvenreichen Strecke noch zusätzlich einen Mario-Cart-ähnlichen Slalom. Nicht nur, weil es hier offensichtlich keine Regeln gibt, von welcher Seite man überholt, sondern weil außerdem die Unebenheiten sowie die geplatzten Autoreifen und plötzlich inmitten der Straße platzierten Verkehrshütchen die Reaktionsfähigkeit von Matthias ordentlich auf die Probe stellen. Ansonsten gibt die Strecke leider nicht viel her. Karge Landschaften. Triste Ortschaften. Haufenweise Müll am Straßenrand. Einziger „Lichtblick“ sind die wie Christbäume geschmückten Chickenbusse, die mitunter religiöse Sprüche und nicht selten mit Jesus-Abbildungen verziert sind.
Als wir uns dem Zielort für diesen Tag, dem Dorf Lanquín nähern, müssen wir auf der Talfahrt unsere Autofenster aufgrund der saunaartigen Hitze, die in unser Auto kriecht, ziemlich bald schließen. Beim Wettercheck 2 Tage zuvor dachten wir anfänglich, Google hätte wieder mal Probleme bei der Anpassung der landesüblichen Maßeinheiten und die Temperatur würde in Fahrenheit angezeigt werden. Aber spätestens jetzt wird klar: an diesem Ort hat es tagsüber wohl wirklich 42 Grad Celsius. Da kommt sogar Sabrina, von der man manchmal den Eindruck hat, sie hätte gar keine Schweißdrüsen, in ihrer bewegungslosen Existenz zum Schwitzen.
Hier sind wir nun also – in einem Dorf, das vorwiegend von Maya-Stämmen bewohnt ist, in dem der weibliche Teil der Bevölkerung vor allem durch die bunten Trachten auffällt und man sich in einem Dialekt voller Knacklaute unterhält, der sich offensichtlich nur weniger spanischer Wörter bedient. Nach Semuc Champey kommt man aufgrund der Straßenbeschaffenheit nur in einem Jeep, weshalb wir am nächsten Tag den Transportservice unserer Unterkunft nutzen und uns zu dem kleinen Naturwunder bringen lassen. Vor dem Eingang erwarten uns die bisher jüngsten Straßenverkäufer:innen auf unserer Reise. Um die Verkaufschancen zu erhöhen, werden hier bereits 5- bis 8-Jährige dazu erzogen, uns mit Dackelblicken ihre Ware anzubieten und beim dritten „No, gracias.“ unsererseits aufzustampfen und kräftig auf den Boden zu spucken.
Im Naturschutzgebiet Semuc Champey schleppen wir uns zuerst zum Aussichtspunkt und danach sofort hinunter zu den von oben erblickten, in wunderschönen Türkistönen lockenden Naturpools, um unsere Betriebstemperatur wieder ins Lot zu bringen. Weiteres ist dann aber besser in Bildern als in Worten erzählt.
Antigua
Mitte Mai 2024. „Da is er ja, der Charme.“
Etwas enttäuscht ob der uninteressanten Strecke nach und von Semuc Champey geben wir unser Mietauto nach nur 3 Tagen (liebend gern) wieder am Flughafen von Guatemala City ab und nehmen einen Shuttle nach Antigua. Es erwartet uns ein charmantes kleines Städtchen im Kolonialstil. Gleich am nächsten Tag erkunden wir Antigua mit einer Free Walking Tour, die am Ende eine Privattour ist, da offensichtlich nur wir zwei uns dazu angemeldet haben. Edgar zeigt uns also ganz entspannt einige der historischen Bauwerke, in denen die Maya früher Symbole für ihren eigenen Glauben miteingearbeitet haben, und erklärt uns, wie die indigene Bevölkerung zur damaligen Zeit nach außen so getan hat, als wäre sie vollständig missioniert, in Wirklichkeit aber weiterhin ihren Göttern huldigte. Beim Kreuzzeichen wurde demnach zwar „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ gemurmelt, innerlich aber den Göttern des Himmels, der Erde, des Wassers und des Windes gedankt.
Viel spannender für uns, war Edgars Wahrnehmung der Bevölkerungsgruppen Guatemalas in der heutigen Zeit, die zum größten Teil aus den europäisch-guatemaltekischen Mischlingen, die „Ladinos“ oder „Mestizos“ genannt werden und den Maya bestehen, sowie zu kleinen Anteilen aus Garifunas mit karibischer und afrikanischer Abstammung und den ebenfalls indigenen Xinka. Diese Zugehörigkeit wird sogar am Personalausweis vermerkt und wenn Edgar es als Ladino in einem hauptsächlich von Maya regulierten Gebiet mit der Polizei zu tun hat, kann sich das auch mal negativ auswirken – zumindest, sofern er dort nicht auf die Schnelle einen Namen von einer wichtigen Ladino-Person nennen kann, die in der Hierarchie etwas weiter oben angesiedelt ist und die dem Maya-Polizisten Probleme bereiten könnte. Was uns allerdings noch nachdenklicher gestimmt hat, ist, dass diese frühe Hochkultur der Maya in ihrer Entwicklung nun eher rückständig wirkt. So erzählt uns Edgar beispielsweise, dass viele Maya ihre Kinder statt den 6 Pflichtjahren nur 4 Jahre in die Schule schicken, weil ab dann die Jungs in einem arbeitsfähigen Alter seien und die Mädchen auf ihre baldige Mutterrolle vorzubereiten sind, wobei unter den im Schnitt sechs Kindern, die sie austragen, nicht selten auch das ein oder andere vom eigenen Vater dabei sein soll. Mit möglichst geringer Bildung fällt den Mädchen aber hoffentlich nicht weiter auf, dass das so eigentlich nicht sein sollte.
Am Ende der Tour werden wir noch im Jade-Museum abgegeben, wo wir zu unserer großen Verblüffung das erste Mal in den letzten sechs Monaten deutschsprachig hindurchgeführt werden. Matthias weiß danach, dass sein Sternzeichen im Mayakalender ein „Kawok“ mit der Schildkröte als Krafttier ist und Sabrina ist als „Batz“ natürlich dem Äffchen am nächsten – was sonst? Am Tag darauf strawanzen wir dann einfach so noch ein bisschen durch Antigua und Sabrina hat das Glück, dass sie kurzfristig noch einen Platz bei einem Schokolade-Workshop ergattert, wo sie erfährt, dass die Kakaobohne die Währung der Maya war und sie ein richtig traditionelles Kakaogetränk nach alter Maya-Tradition eigentlich mit Menschenblut zubereiten müsse. Wir verzichten mal lieber.
Acatenango
Um 07:30 Uhr werden wir in Antigua abgeholt und erst mal auf 2.300 m zu unserem Touranbieter gebracht, bei dem wir warme Kleidung ausleihen und unser Lunchpaket bekommen. Und dann geht’s auch sofort los. 5 Stunden nur(!) aufwärts, auf rutschigen und staubenden Schotterwegen, mit schweren Rucksäcken, die je 4 Liter Wasser und warme Kleidung beinhalten, durch teilweise nebligen Dschungel zum Base Camp auf 3.700 m. Rundherum wird geflucht und die Anstrengung steht selbst den sportlichen Leuten unserer Gruppe deutlich ins Gesicht geschrieben. Der am Vortag noch motivierte Matthias, der sich durch das Lesen von Reviews, in denen steht, wie sehr sich der höllisch anstrengende Aufstieg am Ende lohnt, schon nahezu auf die Tour gefreut hat, ist bereits beim ersten Stopp nach 45 Minuten kein Mann vieler Worte: „Geh weg von mir. Red mit wem andern. Mei positive Energie is scho fast vollkommen verdrängt, von der Dreckstour.“ Dass eine sich am Abstieg befindliche spanisch sprechende Touristin einer Teilnehmerin aus unserer Gruppe gerade enttäuscht davon erzählt hat, dass sie aufgrund des Nebels gar nichts gesehen haben, verheimlicht Sabrina jetzt lieber erst mal.
Nach weiteren Stunden des Schweißes, der Selbstmotivation und der Schweinehund-Überwindung, gespickt von kleineren Pausen sowie einer größeren Pause zum Mittagessen, kommen wir am späten Nachmittag im Base Camp an und beziehen unsere kleinen Hütten. Wo sich einer der aktivsten Vulkane der Welt, el Fuego, ungefähr befinden könnte, lässt sich zuerst nur akustisch eruieren. Denn unser Camp ist umschlossen von einem dicken Nebelbatzen. Kurz vor dem Abendessen klart es aber doch noch auf und wir sehen nun auch den Ursprung des lautstarken Gegrummels: der dunkle Rauchwolken pupsende Fuego. Etwas später dann auch noch begleitet von Blitz und Donner. Für die nächsten 3 Stunden starren wir alle pausenlos auf den Vulkan und lassen uns für die Anstrengung mit weiteren beeindruckenden Eruptionen belohnen. Bereits gegen 20 Uhr zieht es aber die meisten ins Bett. Denn um 4 Uhr wird wieder aufgestanden, um die letzten 250 Höhenmeter auf den Acatenango zu machen. Bis dahin knallt es in der Nacht noch einige Male derart, dass die Hütten nur so wackeln. Sabrina zieht es mindestens drei Mal hinaus. Denn jetzt kann man selbst mit verquollenen Augen die brodelnde Lava, die wie in Zeitlupe zuerst über dem Krater tanzt und dann langsam an den Vulkanseiten hinunterrollt, so richtig gut sehen.
Die letzten 250 Höhenmeter in der Früh sind noch mal richtig wild. Nicht nur, weil wir alle müde sind vom Vortag, sondern weil sich das Atmen bei der dünnen Luft nur mäßig effektiv anfühlt. Oben angekommen, leuchtet aber am Ende nicht nur der Himmel über dem von wenigen Vulkanspitzen durchdrungenen Wolkenbett in den schönsten Farben, sondern auch die Augen (fast :P) jedes Einzelnen unserer Gruppe. Auch wenn uns der Wind dort oben fast verbläst und der Hunger sich langsam bemerkbar macht, verweilen wir noch mindestens eine halbe Stunde zum gemeinschaftlichen Gaffen.
Nach dem Frühstück im Base Camp geht’s dann wieder bergab. Eine Stunde lang macht es nahezu Spaß, sich mit dem nun viel leichteren Rucksack nach unten zu bewegen. Und das trotz des Schotters, auf dem man bei jedem fünften Schritt so stark rutscht, dass man glaubt, sich gleich auf den Hintern zu setzen. Doch schon bald wird auch das Abwärtsgehen immer mühsamer, weil die Beine jetzt wirklich nicht mehr wollen und man mittlerweile so viel Staub eingeatmet hat, dass man in seiner Lunge eine kleine Düne damit bauen kann. 3 Stunden später sind wir komplett Dreck-paniert zurück beim Ausgangspunkt und um eine unglaubliche coole Erfahrung reicher. Beziehungsweise für Matthias: um eine Erfahrung.
San Juan La Laguna (Lago Atitlán)
Kurz vor dem zweiten Drittel Mai 2024. „Indian Nose? Morgen vielleicht.“
Nach unserer Vulkan-Tour gönnen wir uns vor der Weiterreise noch eine in Antiguas Massagestudios vermutlich besonders oft gewählte Kombination aus Deep-Tissue- und Fußmassage, die natürlich als „Acatenango-Massage“ beworben wird. Trotz vorhergehender, übermäßig langer Dusche bleibt am Ende auf den Tüchern des Massagebetts wie in einer Tatortszene der Massageöl-Restdreck-Abdruck unserer Körperkontur liegen, während wir unsere Körper nahezu leichtfüßig nachhause tragen. Nur die Treppen in unserer Unterkunft stellen noch eine recht große Hürde dar und lassen sich nur unter beschwerlichem Gekrächze und Gestöhne besteigen.
Am nächsten Tag geht es dann mit einem Shuttle weiter nach San Juan La Laguna, einem kleinen Dorf am Atitlán-See. Das Zimmer in unserer neuen Unterkunft – wie könnte es auch anders sein – befindet sich natürlich im 3. Stock. Der Schweinehund, um die direkt an unser Zimmer angrenzende, wunderbare Dachterrasse am Ankunftstag überhaupt zu verlassen, ist von unvorstellbarem Ausmaß. Das schlechte Gewissen, dass wir uns am Ende – wie zwei Holzmarionetten ohne Kniegelenke – nur zur Nahrungsbeschaffung aus dem Hotel bewegen, wird aber glücklicherweise von einem kräftigen Gewitter weggeschwemmt.
In Guatemala hat die Regenzeit begonnen. Während unserer Zeit am Lago Atitlán haben wir vormittags und am frühen Nachmittag meist einige Wolken und viel Dunst bei angenehmen 26-28 Grad, und am frühen Abend oder in der Nacht öffnen sich unter gewaltigem Tosen die Schleusen des Himmels, so dass man seiner Stimme eine extra Portion Lautstärke mitgeben muss, damit man sich überhaupt verständigen kann. Aber gut, wir sind ja ohnehin erst mal damit beschäftigt, unsere Betonbeine wieder geschmeidig zu bekommen und den letzten Acatenango-Staub aus unseren Nasen zu schnäuzen. Weiterhin etwas pinguinartig besuchen wir also erst mal die bunten – und zu unserem Leid auch sehr steilen – Hauptstraßen von San Juan und stolpern dabei in einem Laden zufällig in eine Textil-Demonstration, wo uns gezeigt wird, mit welchen Pflanzen man die Baumwolle einfärbt, wie man zu verschiedenen Baumwollfadenstärken kommt, und wie schließlich die Fäden zu einem schönen Textil verwebt werden. Außerdem erfahren wir, wie sich viele Familien von San Juan zu Kooperativen zusammengeschlossen haben, und wie man die Einnahmen von den verkauften Kleidungsstücken verteilt: 70% gehen an die Weberin selbst (auf jedem gewebten Textil klebt entsprechend der Name dieser Person), 10% an die Kooperative für Strom und Miete, 10% an die alleinstehenden Frauen aus der Kooperative und noch mal 10% an die 82-Jährige Präsidentin der Kooperative, die selbst keine Kleidungsstücke mehr herstellen kann, sich aber um Administratives kümmert. Wo könnte man also sinnvoller Souvenirs shoppen als direkt hier?
Nach 2 Nächten verlängern wir gleich noch mal um 1 Nacht, und nach einer kleinen Kayaktour am See und einem Halbtag im Nachbarort San Pedro dann noch mal um eine Nacht. Denn es ist unglaublich gemütlich, ruhig und entspannt hier. Die eigentlich allgemeine Dachterrasse, auf der sich nur unser Zimmer befindet und die wir deshalb im Grunde für uns alleine haben, lädt uns nach dem Aufstehen täglich dazu ein, uns nach ein paar Schritten direkt in die Hängematte oder den Schaukelstuhl fallen zu lassen und erst mal der Sonne dabei zuzuschauen, wie sie langsam über die um den See liegenden Vulkane emporsteigt. In der Küche, die auf der Dachterrasse des Nebengebäudes liegt, finden sich stets interessante Menschen zum Quatschen. Auf den Straßen grüßt man sich mit einem Lächeln, auch wenn man sich nicht kennt. Und wenn man mal ein bisschen durch die Textilläden strawanzt, in denen es keinerlei aufdringliche Verkäufer:innen gibt, und man leider nicht fündig wird, stößt man stets auf ernst gemeintes und liebevolles Verständnis: „No te preocupes, amiga. Gracias por visitarnos. Que tengas un buen día.“ Unseren Plan, bei Sonnenaufgang (oder einfach so mal an einem Vormittag) auf die Indian Nose zu wandern, verschieben wir von einem Tag auf den anderen, und jeden Tag, wenn wir kurz vor 6 in der Früh aufstehen, bestätigt der Himmel unsere Entscheidung. Denn ein hartnäckiger Dunst verwehrt die Sicht über den See. Unser Ankunftstag war wohl der letzte klare Tag vor der Regensaison.
Ob wir auch mal schwimmen waren? Nope. Mit der Information aus dem Internet, dass die meisten Dörfer und Städte ihr Abwasser direkt in den See leiten und die Wasserqualität daher bei einem kleinen unabsichtlichen Schlückchen meist krank macht, hat der See um Einiges an Attraktivität verloren. Aber auch die Ufer, an denen es keinen Abschnitt ohne ein kleines Stückchen Plastikmüll gibt, wirken auf uns wenig einladend. Die Chefin unserer Unterkunft hat – wie sie behauptet und wir ihr aufgrund dessen, dass uns die Bevölkerung allgemein sehr unaufgeklärt erscheint, auch glauben – erst dieses Jahr erfahren, dass die Ableitungen der größten Stadt am Atitlán, Panajanel, alle in den See führen, und erklärt uns, dass das in San Juan natürlich nicht so ist und alle Häuser über antiseptische Filtergruben verfügen. Ganz überzeugt, sind wir davon aber nicht. Wir verlegen das Plantschen also lieber auf unser letztes Ziel in Guatemala: die Pazifikküste.
El Paredón (& Antigua II)
Anfang vierte Woche im Mai 2024. „I glaub, i verkoch innerlich.“
Matthias will vor der Rückreise noch mal ans Meer. Also geht’s ab an die Pazifikküste. Nach ungefähr 3 Minuten reicht’s ihm auch schon wieder. Denn es ist heiß. Und feucht. Und heiß. Und feucht. Und vor allem viel zu heiß. Und auch viel zu feucht in der verdammten Regenzeit. Und auch wenn der Regen nur nachts sintflutartig aus den Wolken fällt und es tagsüber grundsätzlich schön ist, geht dann doch zu wenig Wind, um es halbwegs erträglich zu machen. Selbst den Einheimischen tanzen die Schweißperlen im Gesicht, bevor sie von der Nasenspitze oder dem Kinn tropfen.
Wir erkunden als Erstes ein bisschen den Ort, der aus genau 2 Supermärkten, 3 Cafés, 1 Apotheke, 1 Eisgeschäft, 1 Bäckerei, 1 Reisebüro, 1 Schule, 1 Internetcafé und 5 Fressbuden im Familienbetrieb an der einzigen befestigten Straße – und damit Hauptstraße – besteht. Mit großer Sicherheit gibt es irgendwo auch noch 4 Kirchen. Die 3 Parallelstraßen links und rechts sind zum Meer hin mit Hostels oder kleinen Hotels gefüllt, während sich das Wohngebiet nach hinten in die Ortschaft erstreckt. Das westliche Ende des Orts wird von einem Fluss gebildet, über den man per Boot oder Stand-Up-Paddle ins Mangrovengebiet kommt, und wenn man vom Fluss Richtung Osten 20 Minuten der Hauptstraße entlang schlurft, hat man den El Paredón bereits verlassen. Grundsätzlich total nett und entspannt. Wenn die Hitze nicht wäre. Achja, und die Luftfeuchtigkeit.
Als nächstes inspizieren wir also das Meer. Vor allem Surfer:innen zieht es hierher, und auch wenn für uns das Surfen kein Neuland ist, sind uns die Wellen dann doch ein bisschen zu wild, um einfach ein Surfboard auszuborgen und unsere bisher erlernten Skills zu revitalisieren. Und das ist vermutlich auch gut so. Denn die vereinzelten Surfer:innen sehen jedenfalls so aus, als wüssten sie genau, was sie da tun und als würden sie das auch schon sehr viel länger machen. Für uns heißt es also nur ein bisschen im Wasser plantschen, am Strand zerschmelzen, in der Mittagszeit der Hitze und abends den Moskitos gut ausweichen und nachts zwei Ventilatoren auf Höchststufe in unserem lieben kleinen Bungalow auf uns richten. Nach der ersten Nacht wird aber klar, dass wir uns die letzten Tage unserer Reise eigentlich gemütlicher vorgestellt hatten. Wir bitten unsere Gastgeberin also darum, die dritte Nacht unseres geplanten Aufenthalts zu stornieren, stoßen glücklicherweise auf Verständnis, und vertschüssen uns für den Abschluss noch einmal nach Antigua. Und zwar in eine Villa mit großem Pool!
Sonderabteilung Dankeschön
ZU GUTER LETZT MÖCHTEN WIR UNS NOCH AUS TIEFSTEM HERZEN BEDANKEN
Bei allen begeisterten Blogleser:innen und allen, die zumindest so getan haben und uns motiviert haben, dranzubleiben.
Bei unseren Gönner:innen, deren Identität wir hier nicht preisgeben wollen.
Bei allen Fotos-von-Zuhause-Sendern, allen Möbelaufbewahrern, Dokumente-Zusendern und Unterzeichnungsbevollmächtigten.
Bei unseren Wohnungswarmhaltern, unserem Vermieter, unseren Arbeitgebern und dem Land Österreich (es weiß genau, warum).
Bei allen wunderbaren Begegnungen.
Bei allen Viren und Bakterien, Moskitos, Spinnen, Schlangen, streunenden Tollwut-Hunden, scharfzähnigen und klauenbehafteten Bestien und allen anderen nicht-genannten Tieren, die uns verschont haben.
Bei allen fallenden Kokosnüssen, die uns keinen Schädelbasisbruch verpasst haben.
Bei allen Ärzten und ausländischen Gesundheitssystemen, die wir nicht gebraucht haben.
Bei allen Bandit:innen und Räuberbanden, die uns nicht aufgelauert haben.
Bei allen korrupten, Touristen-abzockenden Polizist:innen, die uns verschont oder übersehen haben.
Bei allen Mietwägen und Mopeds, die uns wacker ohne Knurren und Murren von A nach B gebracht haben.
Bei allen Transportgesellschaften, die ihre Zeitpläne eingehalten haben und uns so keinen Flug verpassen haben lassen.
Bei allen Flugzeugen, die nicht mit uns abgestürzt sind.
Bei allen Currys in Indien, die uns keine Lebensmittelvergiftung und/oder Durchfall beschert haben.
Bei allen Hot Pots in Vietnam, die Matthias nicht zum Platzen gebracht haben.
Bei allen Wellen in Hawaii, die uns nicht verschluckt haben.
Bei Falko, dass er den weiten Weg auf sich genommen hat, um uns in Mexiko davor zu schützen, als Menschenopfer für Kukulkan zu enden.
Bei allen argentinischen Hundstrümmerln, die unseren Füßen gnädigerweise immer ausgewichen sind.
Bei allen zu hohen Höhen in Peru, dass sie uns keine Höhenkrankheit beschert und Sauerstoffflaschen erspart haben.
Bei all den Motten, Tausendfüssern und Geckos auf den Galapgosinseln, die uns so überaus herzlich in ihre Familien aufgenommen haben.
Beim Acatenango in Guatemala, der uns weder mit glühender Lava überschüttet, noch mit geschleuderten Magmabällen durchlöchert hat.
Bei der Natur, für ihre wunderschönen Gaben und bei euch, unseren lieben Freunden und Verwandten, die fest mitgefiebert, uns vermisst und uns viel Liebe geschenkt haben.
Wir freuen uns auf euch! 🤗🤗🤗
Und ehrlich gesagt, auf noch vieles mehr: zum Beispiel auf ein richtiges Schwarzbrot und darauf, das Wasser aus den Leitungen trinken zu dürfen, auf dreilagiges Klopapier sowie darauf, Toilettenpapier wieder ins Klo schmeißen zu dürfen, auf gut abgedichtete Wohnräume und darauf, dass sich die Bettlaken in der Nacht nicht von den Matratzen lösen und in Zwangsjacken verwandeln, auf Türklinken, die mit der Tür verbunden bleiben, wenn man sie in die Hand nimmt, darauf, in grundsätzlich schönen Naturgegenden endlich nicht mehr so viel Plastikmüll am Straßenrand sehen zu müssen, auf Warmwasser und guten Wasserdruck, auf Kaffee, der nicht wie Schwarztee aussieht, auf anständig gewaschene Wäsche, auf scharfe Messer und anständiges Küchenequipment, dass nicht beim Kochen auseinanderfällt, und vor allem auf eine richtig geile, zünftige, g‘schmackige Brettljausn!!🤤
Quer durch den Gemüsegarten
Und ein letztes Mal gibt es noch mal die Abteilung für Farben, Formen, Natur und was sonst noch so unseren Blick gefangen hat.