Unseren ersten Monat verbringen wir im Land der Gewürze.

Air India
Mitte November 2023. „A Witz.“
Kovalam
Ende November 2023. „Hüft’s nix, schodt’s nix“.
Die ersten zwei Wochen sind wir zwar in Indien, aber irgendwie noch in einer Ayurveda-Bubble. In einem auf dem dschungeligen Hügel befindlichen Resort werden wir täglich wie zwei Masala-Hendln mit Ölen und Kräutern eingerieben und unser drittes Auge mit ayurvedischen Öl- oder Milchgüssen aus der Reserve gelockt. Wem auch immer wir erzählt haben, dass wir hier viele Massagen bekommen – im Nachhinein würden wir es dann doch eher als Therapie bezeichnen.
Unser tägliches Programm: Morgens Yoga mit Vishnu, danach Frühstück mit diversen Curries und indischen Teigvariationen, ein bisschen Lesen oder Kartenspielen am Vormittag und vor oder nach dem Mittagessen eine Arztkonsultation und diverse ayurvedische Behandlungen. Danach eventuell den Affen bei ihrem Besuch im Garten zuschauen, ein bisschen Plantschen im Pool, Vishnus Yoga-Ashram besuchen oder Schmetterlingen nachlaufen. Und am Abend dann noch mal die Qual der Wahl in der Speisekarte – mit der aufgrund der Fülle an Möglichkeiten eher vernachlässigbaren Einschränkung, nur jene Speisen bestellen zu dürfen, die dem eigenen Dosha entsprechen.
Den Strand von Kovalam haben wir in diesen ersten 2 Wochen nur ein einziges Mal besucht. Aber so richtig in Badestimmung kommt man dort ohnehin nicht. Vor allem, wenn die indischen Strandbesucher nur voll bekleidet ins Meer gehen und man sich mit der eigenen Sommerbekleidung bereits wie ein deplatziertes Nackerbatzi fühlt. Und wer will schon ab Wasser in Kniehöhe andauernd von den Badewaschln zurückgepfiffen werden?
Falls sich jemand dafür interessiert, wie es mit Schirobrinas Masterarbeit so vorangegangen ist bisher: Die Laptoptasche hat (ohne Witz) zu schimmeln begonnen.
Indian Railways
Anfang Dezember 2023. „Oida!“
Vom Bundesstaat Kerala machen wir uns auf nach Goa. Und zwar mit dem Zug. Tickets haben wir keine, weil man online nur Tickets kaufen kann, wenn man im Besitz einer indischen Handynummer ist. Im Online-Portal der Indian Railways sehen wir nur, dass 23 Personen auf der Warteliste sind – laut unserem Ayurveda-Resort-Manager sind das aber meistens Reiseagenturen, die Tickets vorreservieren und dann kurz vor Abfahrt stornieren. Sein Tipp daher: Einfach ab zum Bahnhof, normales Ticket kaufen und dann im Zug zum Schlafwagenabteil und dort den Ticketkontrolleur fragen, ob wir auf den Schlafwagen mit Klimaanlage upgraden können. Normales Ticket würde nämlich heißen, in einem nicht-klimatisierten offenen Abteil mit/auf/neben/unter Inder:innen im Personen-Sitzplatz-Verhältnis 3:1 gemeinsam 16h zu verbringen. Fenster gibt‘s dort keine, aber ein paar Gitterstäbchen zum Durchlinsen.
Wir machen uns also auf, mit der Ungewissheit, ob wir überhaupt ein Ticket bekommen und wenn doch, ob wir womöglich eine etwas eher unentspannte Fahrt vor uns haben. Wir verlassen also die Ayurveda-Bubble und versuchen 1 Stunde vor Abfahrt am Bahnhof zu sein. Dort angelangt, fragen wir nach Tickets für unseren Zug und erfahren, dass wir am falschen Bahnhof sind. Aber: es gäbe noch genau 2 Tatkal-Tickets – sowas wie Last-Minute-Tickets, die eine Stunde vor Abfahrt für ein 10-minütiges Zeitfenster freigegeben werden. Einziger Haken: die Tickets können wir nur am anderen Bahnhof kaufen, der mindestens 30 min mit dem Taxi entfernt liegt. Wenn nicht sogar länger. Denn es ist gerade Rush Hour. Yei. Jackpot.
Mit dem Herz in der Hose eilen wir also wieder hinaus auf die Straße, wo wir auf zwei TukTuk-Fahrer treffen, die uns nur sagen, dass sie für nichts garantieren können, aber glauben, dass sie es sogar unter einer halben Stunde schaffen. Wir hüpfen also mit unserem großen und kleinen Rucksack in eines der TukTuks, und mit der Hand durchgehend auf der Hupe bringt uns der Fahrer im dichten Verkehr innerhalb von 25 Minuten zum richtigen Bahnhof. Die Hupe in Indien wird im Übrigen nur sehr selten dafür gebraucht, um anderen mitzuteilen, dass „se olle Trottln san“. Sie dient vielmehr als ein wenig aggresives, aber überlebenswichtiges und daher sehr gerne gebrauchtes Kommunikationsmittel, um anderen Verkehrsteilnehmer:innen (Fußgänger:innen, Hunden, Kühen, Moped-, PKW- oder LKW-Fahrer:innen) mitzuteilen, dass sie doch bitte Platz machen sollen. Und mit Dauerhupe ging’s besonders schnell, weil hier auch ernsthaft ausgewichen wird, und nicht noch extra ein Gang runtergeschalten wird, wie es wohl so manch angehupter Österreicher machen würde.
Am Bahnhof angelangt, laufen wir zum Schalter, wo sich 3 Inder bereits Schulter an Schulter an der kleinen Durchreiche des Ticketsschalters zusammendrängen. „Nur keinen Abstand lassen in indischen Warteschlangen“ – hatten wir zuvor noch als Tipp bekommen. Da unser europäisches Körperabstandbedürfnis aber noch nicht vollkommen abgeschaltet ist, drängen sich natürlich seitlich immer wieder ein paar Inder hinein. Ein bisschen fühlt es sich so an, wie in einer 1. Klasse Volksschule, wo alle Kinder aufzeigen, „Ich, ich, ich bitte“ schreien und versuchen mit der zweiten Hand, ihren Aufzeigearm noch weiter in die Höhe zu drücken. Hier allerdings, wird versucht, mit dem ausgefüllten Ticketformular dem Gesicht der Beamt:in am nähesten zu kommen. Der langärmigste Papierwedler gewinnt. Dann heißt es nur mehr eine gefühlte Ewigkeit warten, bis die Beamtin die händische ausgefüllten Formulare entziffert hat und alle Daten aus dem Formular in den antiken Computer übertragen hat. Dann wird gezahlt. Bis wir dieses System verstanden haben, ist es bereits 15 Minuten vor Zugabfahrt. Wir fragen also ebenfalls nach einem Formular, Matthias packt seine beste Sauklaue aus und fetzt unsere Daten drauf, die wir dann der Beamtin noch einmal ansagen müssen, weil sie kaum etwas davon entziffern kann. Die zwei Plätze sind jedenfalls noch da. Entschuldigend sagt uns die Beamtin , dass es leider nur mehr Tickets für die 2. Klasse mit Klimaanlage gibt. Das „leider“ bezieht sich in diesem Fall auf den für indische Verhältnisse „horrenden“ Preis von 30 Euro pro Ticket. Uns egal. Hauptsache wir müssen uns jetzt nicht noch eine Unterkunft suchen. 8 Minuten vor Abfahrt halten wir also glücklich wie zwei indische Rinder unsere Tickets in der Hand und machen uns zum Bahnsteig auf. 5 Minuten vor Abfahrt sitzen wir in unserem Abteil.
Endlich richtiges Indien. Trotz Hetzerei, Stress und der Ungewissheit, ob wir unseren Zug überhaupt erreichen, hatten wir erstmalig das Gefühl im echten Indien angekommen zu sein. In unserem Zugabteil breitgemacht, war die Stimmung „auf Reisen“ zu sein, endlich spürbar. Matthias war in einem durch Vorhänge getrennten 4er-Schlafabteil und Sabrina in einem Seitenabteil. Mit Händen und Füßen verständigten wir uns mit der sehr bemühten Belegschaft, die uns noch ein kleines Abendessen brachte, und um ungefähr 22:30 Uhr richteten wir unsere Nachtlager, um noch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen. Nach einer geruhsamen Stunde alleine im Schlafabteil, stiegen bei Matthias allerdings die ersten Mitschläfer:innen zu. Vier Leute platzen in das Abteil. Licht an. Auf Matthias draufgesetzt. Diskutiert. Telefoniert. Nach ca. 30 Minuten ziehen dann 3 der 4 Herrschaften wieder von dannen. Es wurde wieder ruhiger. Das Licht blieb allerdings an. Für Matthias heißt es also noch mal raus aus den Federn. Licht aus. Rein in die Federn. Schlafversuch, die Zweite. Kurz vor 01:00 Uhr kam die nächste Charge Störenfriede in Matthias‘ Abteil. Diesmal nur gemäßigt assozial, aber dennoch machte sich Mordlust in Matthias breit. Um 04:50 Uhr kommen die ersten 3 Plagegeister zurück. Licht an. Ordentlicher Radau. Als Quartett ziehen sie wieder ab. Mäßig erholt, aber mit einem vorfreudigen Lächeln den nächsten Ereignissen entgegenblickend, nehmen wir unser Frühstück zu uns. Endstation: Ankunft.
Süd-Goa
Anfänglicher Anfang Dezember 2023. „Simma wirklich in Indien?“
Vom Bahnhof Margao starten wir zur unserer Unterkunft etwas nördlich von Colva. In unserer etwas abgelegenen Unterkunft treffen wir auf zwei Portugiesen. Er arbeitet seit einem Jahr in Indien als technischer Direktor der NBA. Seine Freundin, eine Fotografin, besucht ihn regelmäßig für mehrere Wochen. Die beiden haben gleich vielerlei Tipps für uns und Fernando erzählt uns äußerst euphorisch so Einiges über die vielen kulturellen Unterschiede, die seine Arbeit hier oft besonders fordernd machen. So zum Beispiel über die grundsätzliche Schüchternheit und mäßige Kritikfähigkeit der Inder:innen, sowie die sehr eingeschränkte Motivation, sich selbst weiterzubringen, weil die Hochzeit im Leben eines Inders bzw. einer Inderin das einzig erstrebenswerte Ziel ist. Für ein Streben nach mehr in anderen Bereichen, ist man hierzulande häufig „zu“ zufrieden mit dem, was man hat. Als es zum Thema Essen kommt, wissen wir sofort, dass wir auf zwei Genießer ganz nach unserem Geschmack gestoßen sind. Während unseres 3-tägigen gemeinsamen Aufenthalts sammeln wir eine Liste an Gerichten, für die wir vermutlich noch ein zweites Mal nach Indien reisen müssen. Außerdem lernen wir, wie wir in Indien am besten „to shit fire“ vermeiden (Zitat Fernando).
Mit einem Moped für 500 Rupien (= ca. 5,50 Euro) am Tag fahren wir verschiedene Strände an, landen aber am Ende des Tages immer wieder am Praia de Amantes. Matthias‘ Sorge, dass ihm die indische Aufdringlichkeit von Strandverkäufer:innen oder Standler:innen ganz schnell „am Arsch gehen“ wird, verpufft im Nichts. Am Strand ist es – außer am Sonntag, an den indische Touris kleine Raves am Strand veranstalten – nahezu unheimlich ruhig. Die erwartete Geschäftstüchtigkeit versteckt sich zwischen Strandtüchern und –kleidern. Im Schatten. Liegen und Schirme sind gratis, solange man etwas in der Strandbar konsumiert. Die Preise sind zwar vergleichsweise höher als am Straßenrand, aber es gibt kaum ein Gericht auf der Speisekarte, das mehr als 4 Euro kostet. Was uns jedoch auffällt: Alkoholische Getränke erreichen schnell mal europäisches Preisniveau und sind damit eher ein Luxusgut. Und wenn wir schon bei Preisen sind. Unterkünfte findet man hier für 5-10 Euro pro Person, 1,5-stündige Taxifahrten kosten ca. 20 Euro – und das sind die Touristenpreise. Unser selbstbestimmter, neuer Tagesablauf: Sabrina setzt sich (tatsächlich!) vormittags an die Masterarbeit, während Matthias ausschwärmt, um die Gegend zu erkunden, gemütlich frühstücken geht und mit einem kleinen Belohnungssnack wieder zurückkommt. Die Nachmittage widmen wir dem Strand und dem Befüllen unserer Bäuche. Unser absolutes Highlight bei der Magenfürsorge ist dabei das „Goan Beef Chilli“, das bereits medium spicy für ein flaues Magengefühl sorgt und im „normalen“ indischen Schärfegrad vermutlich zum Feuerspucken veranlasst hätte.
Nord-Goa
Späterer Anfang Dezember 2023. „Wo is die Party?“
Nach 4 Tagen im Süden Goas ziehen wir weiter in den Norden. Arambol ist unser Ziel. Unsere Erwartung: Partystrände, Yoga und jede Menge Menschen mit alternativen Lebensweisen. Schnell stellen wir aber fest, dass sich unsere Befürchtungen hinsichtlich (zu) lauter Partymusik nicht bewahrheiten. Denn ab 23 Uhr werden jegliche Riesenboxen dezibeltechnisch unter Hundebelllautstärke gedreht. Unserem erholsamen Schlaf steht also nichts entgegen – außer vielleicht die aufdringliche Schimmelbrise unserer Pölster.
Im Norden bemerken wir jedenfalls, dass die indische Aufdringlichkeit, vor der wir uns zu Beginn unserer Reise etwas gefürchtet hatten, nun etwas mehr zu spüren ist. Und zwar nicht nur durch die zahlreichen Keiler, die uns auf ihre Liegestühle verschleppen wollen, sondern auch durch die Strandverkäufer:innen, die einfach so lange „Hello Ma’am“ oder „Hello Sir“ singen, bis man ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Doch genau in diesem Moment hat man verloren, denn nun werden einem Kettchen auf das Bein gelegt oder das gesamte Arsenal an Sonnenbrillen am Liegestuhl ausgebreitet. Stellt man sich schlafend oder tot, um eben genau dies zu verhindern, wird der Sprechgesang von Stupsern gegen die Beine begleitet. Ein einzelnes „No, thank you“ reicht selten. Erst ab der vierten oder fünften Verneinung hat man schließlich eine Chance auf ein Ende des Terrors. Noch schnell mit einem Fluch belegt, ziehen die Strandverkäufer:innen dann weiter – bis das gleiche Spiel 10 Minuten später mit der oder dem nächsten Händler:in wieder von vorne losgeht.
In den kleinen Shops am Straßenrand hingegen, zeigen sich die Verkäufer:innen viel weniger aufdringlich. Nach der Anprobe von zwei Hosen an einem kleinen Kleidungsstand finden wir uns kurz darauf mitten im Laden am Boden sitzend wieder. Der Inhaber hat uns spontan auf einen Chai eingeladen und erzählt uns über eine Stunde lang (sehr wahrscheinlich nur halbwahre) Geschichten über sein „Imperium“, seine Fabriken, seine Zusammenarbeit mit einer überpeniblen deutschen Geschäftspartnerin, wie die Pandemie ihm klar gemacht hat, dass man Geld nicht essen kann, wie (angeblich) 10% seiner Einkünfte einer Schule zu Gute kommen und sein Karma ihn reich macht, wie die Leute in Goa im Allgemeinen so ticken, wie (semi-)ausgewanderte Russen Goa schön langsam übernehmen und niemand in Goa ein Problem damit hat, und wie offen und liberal Goa ist, so dass sogar(!) Inderinnen hier – ganz wie die „crazy foreigners“ – mit Bikini herumlaufen können, während man im ländlicheren und muslimischeren Norden Indiens mit schulterfreier Bekleidung einfach auf offener Straße umgebracht werden würde.
Das Ausmaß der russischen Invasion hat uns tatsächlich sehr überrascht: Russische Techno- und Rave-Krieger:innen soweit das Auge reicht, jede Restaurantbeschriftung und Speisekarte mit einer englischen und einer russischen Spalte. Als wir an einem Abend zu einem Event mit Live-DJs an einem etwas abgelegeneren Standort spazieren, machen wir auch dort direkt am Absatz wieder kehrt, weil es uns dann doch ein bisschen zu russisch ist.
Unsere Nord-Goa-Tage sehen am Ende so aus, dass Matthias morgens das Frühstück der Straßenküchen erkundet, während Sabrina ihren Laptop mit halb zerrissenen Pappkartonschachteln vor der Sonne auf dem Balkon schützt und versucht, die Masterarbeit zumindest um ein paar Zeilen zu erweitern. Das ein oder andere Mal wird diese geistige Bemühung aber mit körperlicher Anstrengung beim Yoga ersetzt. Den restlichen Tag verbringen wir damit, mit dem Moped zum etwas entfernteren Morjim Beach oder den verschiedenen Abschnitten von Arambol Beach zu fahren. Dort werden wir entweder von indischen Tourist:innen ohne auch nur im Ansatz zu versuchen, dabei unauffällig zu sein, gemustert und teilweise „heimlich“ gefilmt. Eine Handvoll Inder:innen nimmt aber auch allen Mut zusammen, um Matthias direkt anzusprechen und um ein Selfie mit ihm (und vor allem seinen Tattoos) zu schießen. Ansonsten verbringen wir unsere Zeit am Strand damit, unsere Kenntnis der indischen Küche zu erweitern, oder gestrandete Seesterne zurück ins Wasser bringen, um uns so ein Karmaschutzschild aufzubauen, dass uns dabei helfen soll, die vielen Flüche der Strandverkäufer:innen abzuwehren. Abends schwärmen wir immer in Richtung Straßenmärkte aus. Nachdem wir an Tag 2 unser neuestes Lieblingsgericht – Chicken Shawarma (im Grunde ein simples Hühnerkebab – aber mit der besten Sauce überhaupt) – gefunden haben, führt uns unsere tägliche Abendschlenderei zumindest für den ersten Magenkitzler jedes Mal wieder dorthin. Um aber auf unserer ohnehin bereits übervollen kulinarischen To-Do-Liste voranzukommen, mampfen wir uns auch am langen Rückweg noch durch die diversen Street-Food-Standln und stellen fest, dass es eigentlich nichts gibt, was uns hier nicht schmeckt. Wenn uns mal 10 oder 20 Rupien fehlen oder wir nur die „ ganz großen Scheine“ (500 Rupien, nicht mal 6 Euro) eingesteckt haben, ist man hier sehr entspannt und vertraut einfach darauf, dass wir am nächsten Tag wieder vorbeikommen, um unsere Schulden zu begleichen.
Jaisalmer
(Bisschen vor) Mitte Dezember 2023. „Ein bisserl anders is es hier aber schon.“
Vom Flughafen Jaisalmer geht es mit dem Jeep auf endlos langen Staubpisten, gespickt von Müllbergen, Ziegen- und Schafherden zu unserer Unterkunft. Dort werden wir sofort von Tofu, dem Hostelbesitzer und König des Basars, in Beschlag genommen und nicht mehr losgelassen, bis wir uns von ihm instant zu einer Wüstensafari überreden lassen, die bereits 3 Stunden später startet.
Mit einem Pärchen aus Großbritannien machen wir uns auf den Weg in die Wüste, vorbei an kleinen Dörfern, deren (kindliche) Bewohner:innen uns entweder zuwinken und/oder uns böse Blicke, erhobene Fäuste und Mittelfinger nachwerfen. Nach dem Besuch von einer kleinen Festung und einer Geisterstadt, werden die zwei Briten auf jeweils ein Kamel gebunden und 1 Stunde lang durch die Wüste gezogen. Wir fahren währenddessen etwas tiefer in die Sanddünen, wo wir unser Camp für die Nacht aufbauen. Nach einem Abendessen, der unentwegten Suche nach der Milchstraße am Himmelszelt, sowie langen Gesprächen mit dem Kameltreiber Dildar und dem Jeepfahrer Nabu, die uns über arrangierte Hochzeiten, ihr Leben in den Wüstendörfern, und ihre Träume erzählen, schlagen wir unser Bettenlager auf. Trotz der 3 dicken Decken, die wir uns in Embryonalstellung bis über die Köpfe zogen und hermetisch abriegelten, war dies wohl die kälteste Nacht unseres Lebens. Bei jedem nächtlichen Erwachen hofften wir, dass die Sonne sich endlich über den Horizont erheben würde. Nach dem hart ersehnten Ende der Nacht, krochen wir in unsere Decken eingemummelt direkt zum Lagerfeuer, um unsere Lebensgeister mit frisch aufgebrühten Chai zu reanimieren. Nach dem Frühstück zeigt uns Dildar noch, wie schnell er mit dem Kamel galoppieren kann und Nabu rät Matthias am Rückweg, sich doch noch mindestens zwei weitere Frauen zuzulegen.
Die restlichen zwei Tage in Jaisalmer verbringen wir mit einer sechsköpfigen Gruppe Spanier, mit der wir noch den Gadisarsee sowie die berühmte Festung von Jaisalmer besuchen, wo wir an jeder dritten Ecke von indischen Jugendlichen verfolgt werden, die Fotos mit uns Weißgesichtern machen wollen. Doch nicht nur wegen unserer Hautfarbe ziehen wir immer wieder Blicke auf uns. In den Straßen Jaisalmers bemerken wir, dass kaum Frauen in der Öffentlichkeit anzutreffen sind – dementsprechend sorgt vor allem Sabrinas schiere Anwesenheit auf der Straße für viele kritische Mienen. So richtig wohl fühlt frau (und auch man daneben) sich also nicht.
Neu Delhi & Arga
Mitte Dezember 2023. „Hölle und Himmel“.
Neu Delhi.
Leicht angeschlagen von der eiskalten Nacht in der Wüste und etwas gerädert von dem Nachtzug kommen wir endlich im Indien unserer Vorstellungen – und vor allem Albträume – an. Wann auch immer mit Tourist:innen oder Einheimischen über Neu Delhi gesprochen wird, die Reaktion bleibt stets die gleiche: ein verzerrtes Gesicht und der Rat „Just skip New Delhi!“. Wir wollen es aber selbst erleben. Unsere kleine To-Do-Liste für unseren auf 5 Stunden beschränkten Aufenthalt: zwei Imbissempfehlungen nachkommen, und von Bahnhof A, an dem wir gerade angekommen sind, zu dem 10 km entfernten Bahnhof B gelangen, um von dort aus direkt zum Taj Mahal nach Agra weiterzugondeln. Das größte Problem bei diesem Unterfangen: wir haben keine mobilen Daten, um uns ein Uber zu bestellen, so wie es uns eigentlich von den meisten Leuten empfohlen wurde. Nicht nur weil es die günstigste, sondern auch weil es die sicherste Variante sei, um in Neu Delhi von A nach B zu kommen. Wir müssen uns also einen alternativen Plan zurechtlegen. „Wird schon schiefgehen“, denken wir uns.
Nachdem wir unsere Rucksäcke am Bahnhof abgegeben haben, schlendern wir frohen Mutes direkt in den Höllenschlund. Wir verlassen das Bahnhofsareal und werden von einer zuerst noch zumutbaren und schließlich immer dichter werdenden Masse an Menschen, Straßenlärm, fürchterlichem Urin- und Kotparfüm, sowie von aufdringlichen, energieraubenden Keiler:innen und Transportanbieter:innen fast wieder zurückkatapultiert. Unfassbar wie es hier zugeht. Wir quälen uns durch die Straßen, um unseren ersten Einkehrschwung auf ein Kabab zu machen, wofür wir gleich mal den doppelten Preis bezahlen. Auch wenn das Essen wirklich gut war, hinterlässt die Abzocke gleich den ersten schlechten Beigeschmack. Aber damit war zu rechnen. Weiter geht’s zu einem ehemals renommierten Restaurant, der vermeintlichen Geburtstätte des Butter Chicken und das Chicken Tandorii. Auf unserer Reise wurde uns von einem Hammelliebhaber empfohlen, hier unbedingt noch ein Mutton Byriani zu essen. Gesagt – getan. Nach fast 5 Wochen kulinarischer Steigerungen war dies jedoch das langweiligste Gerich. Dafür aber mit Abstand das teuerste und das erste in einer Speisestätte mit langschwänzigen, pelzigen Nagetierbesuchern. Als wir dann auch noch regelrecht gezwungen wurden, Trinkgeld zu geben, wurde der Drang, Delhi so schnell wie möglich wieder zu verlassen, immer größer. Um einen Zug zu erreichen, der uns 2 Stunden früher als ursprünglich geplant von Delhi erlösen sollte, mühen wir uns wieder zurück Richtung Bahnhof A durch das Meer an Händler:innen, Tuktuk- und Rikschafahrern, selbsternannten Tourguides, bettelnden Kindern, sowie durch die Fäkalwolken unterschiedlicher Reifestadien. Vom Smog, der 2 Wochen vor unserem Delhi-Besuch sogar toxische(!) Werte erreicht hat, sodass die Bevölkerung vor einem Aufenthalt im Freien gewarnt wurde, mal ganz abgesehen…
Endlich zurück am Ausgangspunkt (Bahnhof A), steigen wir über unzählige, am Fliesenboden schlafende (Junkie-)Inder:innen, um uns ein U-Bahn-Ticket zu Bahnhof C, von dem der frühere Zug nach Agra fährt, zu organisieren. Mit dem vermeintlichen U-Bahn-Ticket in der Hand, und etwas erleichtert, ob der baldigen Abfahrt, machen wir uns schnellen Schrittes auf den Weg zur U-Bahn-Station. Dort angelangt erfahren wir, dass uns kein U-Bahn-Ticket, sondern ein Zugticket verkauft wurde. Und das obwohl wir der Ticketverkäuferin extra die U-Bahn-Route auf Google Maps gezeigt hatten. Aaaargh! Wir gehen also zurück zum Bahnhof und stellen fest, dass wir mit dem Regionalzugticket, das wir besitzen, nicht mehr rechtzeitig für den früheren Zug zu Bahnhof C kommen. Um jetzt wieder zurück zur U-Bahn zu laufen, ist es aber auch zu spät. Falls sich an dem Punkt jemand fragt, warum wir unser Zugticket nicht weggeschmissen und einfach sofort ein U-Bahn-Ticket gekauft haben – das wissen wir rückblickend auch nicht wirklich, aber vermutlich waren wir aufgrund der uns überwälzenden Eindrücke der letzten 2 Stunden einfach nicht mehr im vollen Besitz unseres Denkvermögens. Nach einem gestressten, verärgerten und am Ende verzweifelten Hin und Her zwischen Ticketschaltern und Tuktukfahrern, um weitere Informationen über Transportmöglichkeiten zu unserem ursprünglich anvisierten Bahnhof B an den einzuholen, entscheiden wir uns letzten Endes für ein Tuktuk und hoffen, den späteren Zug zu erwischen. Denn unser lockeres „Wird schon schiefgehen“ hat sich immer mehr zu einem ängstlichen „Jetzt darf nur nix mehr schiefgehen“ entwickelt.
Da wir beim ersten Bahnhof bereits erfahren haben, dass es für die gemütlicheren Zugabteile keine Tickets mehr gibt, kaufen wir uns an Bahnhof B ganz schnell das billigste Ticket, in der Hoffnung es im Zug upgraden zu können. Als wir in dem Abteil eintrudeln, für das unser Ticket eigentlich bestimmt war, und wir sehen, wie sich die Inder:innen darin stapeln, beschließen wir uns einfach in die nächsthöhere Klasse zu schwindeln. Unser Glück: keinen kümmert’s. Leicht gequetscht, aber zumindest nicht zerquetscht, fahren wir 3,5 (statt planmäßigen 2) Stunden nach Agra. Noch nie waren wir so erleichtert, wie in dem Moment, als wir unseren Fuß auf Agras Bahnsteig setzen.
Agra (und noch mal Neu Delhi).
In Agra checken wir am späten Abend in einem Hostel ein. Wir spüren, wie der Delhi-Vibe immer noch nachhallt und wir absolut misstrauisch von der Freundlichkeit des Besitzers überwältigt werden. Den Glauben an das Gute im Menschen haben wir bei unserem Mini-Aufenthalt in Delhi nämlich kurzzeitig komplett verloren. Total erledigt hauen wir uns also ins Bett, um am nächsten Morgen bereits vor Sonnenaufgang beim Taj Mahal zu sein, wo uns die nächste positive Überraschung erwartet. Es eröffnet sich uns ein Anblick, von dem man sich nicht satt sehen kann – fast so „wie ein Blech Tiramisu für einen ganz alleine“ (Zitat Matthias). Die Besucheranzahl am Gelände des Taj Mahal steigt direkt proportional zum Stand der Sonne und wir beobachten vor allem indische Liebespaare, die sich wie zwei Präsidenten auf Staatsbesuch für ein Foto die Hände halten – womöglich bereits das höchste der Gefühle, wenn es um öffentliche Zuneigungsbekenntnisse in Indien geht. Als es schließlich immer voller wird, und wir einsehen, dass es einfach unmöglich ist, die Magie, die den Taj Mahal umgibt, mit einer Kamera einzufangen, machen wir uns auf den Weg zurück. Heute Abend geht nämlich schon unser Flug nach Vietnam.
Einmal müssen wir also noch zurück nach Delhi. Der junge Hostelbesitzer in Agra zeigt uns in einer App, wie wir in Neu Delhi am besten mit der U-Bahn zum Flughafen kommen. Wir speichern uns die Route, steigen in einen Bus, der uns in einer 6-stündigen (anstelle der angekündigten 4-stündigen) Fahrt von Agra nach Neu Delhi bringt. Auch wenn wir uns ein extra großes Zeitpolster für unseren Transfer vom Busterminal zum Flughafen eingeräumt haben, steigt erneut Nervosität auf. Unser Horrorszenario: wir bleiben in der Hölle stecken.
Vom Busterminal versuchen wir so schnell wie möglich zur U-Bahn-Station zu kommen, und als wir die Treppen zum Untergrund hinabsteigen, können wir unseren Augen kaum trauen. Wir treffen erstmalig auf ein blitzsauberes (unsere Hygieneansprüche sind mittlerweile schon auf Erdkernniveau gesunken), neutral riechendes, mittelmäßig lautes und zivilisiertes Indien. Wir sind immer noch misstrauisch, aber die Verbindungen funktionieren genau so wie es uns der Hostelbesitzer angesagt hat und 3 Stunden vor Abflug sind wir tatsächlich am Flughafen. Unsere Boardingpässe für den Flug nach Hanoi nehmen wir mit einem fetten Seufzer der Erleichterung entgegen. Wir haben’s geschafft!