Im Land der Lamas und Ceviches.

Cusco
Zweites Drittel April 2024. „Endlich wieda g’sünderes Essen! Aber he, hat mi der jetzt grad echt anbrunzt?“
Durch unsere letzten Tage in Argentinien, die wir mitunter auf über 4.000 Meter Seehöhe verbracht hatten, dachten wir ja eigentlich, dass wir auf das über 3.000 Meter hoch gelegene Cusco gut vorbereitet sein sollten. Doch Matthias Kopf brummt, unsere Lungen befinden sich in einem komisch komprimierten Zustand und jede kleinste Steigung fühlt sich an wie der letzte mühsame Laufschritt in einem Marathon. Trotz unseres Zombie-Daseins wagen wir uns aber gleich am ersten Abend in das emsige Treiben von Cusco und erfahren dort eine angenehme Ablenkung von den leichten Symptomen unserer Höhenkrankheit. Was wir hier vorfinden sind breite Gehsteige und Flaniermeilen, in denen offensichtlich die Hälfte der Einwohner:innen Cuscos als Straßenverkäufer:innen arbeiten, indem sie ihre Waren auf dem Gehsteig verteilen, mit 20 Kleiderbügeln auf jeder Hand am Gehweg stehen oder Pritschenwägen vor sich herschieben und so wie in den anderen von uns bereisten Ländern Südamerikas entweder aus den Tiefen ihres Brustkorbs oder mit Verstärkung eines Megafons gebetsartig ihr gesamtes Sortiment inklusive Preisliste herunterleiern oder eine sich ständig wiederholende Aufnahme über einen kratzig rauschenden Lautsprecher durch die Straßen jagen. Obwohl dieses Gewusel und diese Überbeschallung gerade ein ordentliches Kontrastprogramm zu unseren letzten Tagen in Argentinien darstellen, fühlen wir uns dennoch richtig wohl. Denn jeder dritte kleine fahrbare Marktstand bietet köstlich riechende Snack- und Naschmöglichkeiten: Riesenmais, gefüllte Kartoffeln, Anticuchos (Spieße), Churros, Puffmais und vor allem endlich wieder mal jede Menge Obststände mit riesiger Auswahl. Vor allem Vitamine, die hier zu Spottpreisen in Hülle und Fülle erhältlich sind, mussten wir in den letzten Wochen meist mühsam suchen. Beim Hindurchschlängeln durch eine der Obststraßen stellt Matthias in einer der engen Gassen plötzlich fest, dass die feuchte Pritschelei, die seine Füße benetzt, von einem kleinen Jungen stammt, der versucht die aus Inka-Zeiten stammende Abwasserrinne mit seinem Urinstrahl zu treffen. Yuhei! Was für ein wunderbarer Einstand.
An Tag 2 wird dann klar, dass unser matschiges Dasein wohl wirklich nicht der anstrengenden Anreise, sondern auf alle Fälle der Höhe geschuldet ist. Doch, womit kann man sich besser von körperlichen Unannehmlichkeiten ablenken, als mit den Schlemmereien in den Streetfood-Straßen Cuscos? Auch wenn wir uns gerade auf ein Retreat vorbereiten, für das wir auf bestimmte Nahrungsmittel verzichten sollen, finden wir vor allem am Mercado San Pedro viele kleine Marktstandln, an denen wir vor allem an den Tagesmenüs für ungefähr 2 Euro großen Gefallen finden. Denn dort bekommt man von meist dicken Omis, die mit vielen Riesenkochtöpfen hinter der Budel eingeklemmt sind, eine Suppe und dann noch eine ordentliche Portion eines selbst gewählten Hauptgangs, wobei man auf jedem Tagesmenü stets Chaufa (Eier-Gemüse-Reis), Trucha (Forellenfilet), Milanesa de Pollo (Hühnerschnitzel) oder Lomo Saltado (asiatisches Geschnetzeltes mit Gemüse) oder Guisado de Tarwi (Lupineneintopf) finden kann. Einige Stände haben sich aber auch auf kräftige Hühnerbrühen, Ceviche oder andere (vorwiegend fleischhaltige) Gerichte spezialisiert. Mehr als 7 Euro braucht man hier aber jedenfalls nirgends für einen zum Platzen gefüllten Bauch.
Für fast 11 Tage bleibt Cusco ein Ort, an den wir zuerst von einer dreitägigen Machu-Picchu-Tour und etwas später dann noch von einem dreitägigen Retreat im Valle Sagrado de los Incas immer wieder gerne zurückkehren. Und das nicht nur weil Essen hier so zelebriert wird, sondern weil wir uns hier auch auf zwischenmenschlicher Ebene besonders wohl fühlen und die Altstadt mit ihren vielen und gut gepflegten Kolonialstilbauten und den kleinen Gässchen, die früher als Inkawege dienten, einen ganz besonderen Flair hat. Imposant sind auch die barocken Kirchen, die man in Kolonialzeiten einfach über Inkatempel gebaut hat (was war anderes von den Missionaren zu erwarten?!) und auf deren vorgelagerten großen Plätzen – mäßig anstrengend – pro Tourist:in mindestens 2-3 Straßenverkäufer:innen und Keiler:innen mit ihren Waren und Diensten werben. Etwas weiter weg vom Stadtkern füllt sich das Bild dann nahezu ausnahmslos mit Häusern, die in unserem Verständnis als Rohbauten gelten würden und die die Berghänge rundherum bekleiden. Und wer hier etwas auf sich hält oder etwas mehr Geld hat, verpasst dann zumindest der straßenseitigen Hausmauer einen Verputz. Aber gut, es gibt auch wirklich wichtigeres als Farbe am Haus.
Machu Picchu
Kurz vor Mitte April 2024. „Puuuuuhhh….“
Nach 2 Tagen der Akklimatisierung in Cusco brechen wir mit dem Zug Richtung Weltwunder Nummer 3 auf unserer Reise auf. Bei der Planung stellen wir fest, dass sich, sofern man nicht gerade ein Fan von einem 4-Tages-Marsch oder einer mindestens 9-stündigen Reise mit 3 verschiedenen Bussen plus einem 3-stündigen Fußmarsch ist, die Transportmöglichkeiten schließlich auf das Zug-Duopol von Inca- und PeruRail einschränken. Das preislich abgestimmte und nicht besonders günstige bimodale Service der beiden Anbieter bringt einen mittels Bus und Zug innerhalb von 4 Stunden nach Aguas Calientes. Und auch wenn die Busfahrt durch die Gebirgslandschaft Cuscos sowie die 2-stündige Zugfahrt entlang eines wilden Flusses, der sich in eine angenehm unmanipulierte Landschaft bettet und sich zwischen steil in die Höhe ragenden Gebrirgskolossen hindurchschlängelt, ganz nett sind, können wir bereits spüren wie sich die Klauen des Massentourismus langsam um uns legen.
In Aguas Calientes erwarten uns dann beim Ausstieg aus dem Zug bereits haufenweise lautstark für sich werbende Keiler:innen, die natürlich alle das beste und günstigste Lokal oder die schönsten und billigsten Ponchos haben. Wir kämpfen uns also durch die Ortschaft, deren Einwohnerzahl etwas niedriger als die Anzahl an täglich ausgestellter Tickets für Machu Picchu ist, und kommen in einem Hostel an, in dem man merkt, dass hier kaum ein:e Tourist:in länger als eine Nacht verweilt. Vielen ist es wahrscheinlich egal, aber dieser Tagestouristen-Nepp-Flair, der vor allem unter dem Motto „teure Preise für schlechte Qualität“ steht, ist definitiv nichts für unsere Wesen.
Damit unsere Eintrittstickets nicht verfallen, haben wir für den folgenden Tag nur ein großes Ziel vor Augen. Und zwar müssen wir es schaffen, uns zwischen 07:00 und 08:00 Uhr durch die Eingangsschleusen zu quetschen. Von Aguas Calientes aus gibt es dafür nur zwei Möglichkeiten: 2 Stunden Treppensteigen oder mit dem überteuerten Bus fahren. 12 Euro zahlt man hier für 25 Fahrminuten – und das in einem Land, in dem man mit 12 Euro normalerweise mindestens 5 Stunden Wegzeit erkaufen kann. Aufgrund unserer noch immer nicht ganz optimalen Lungenfunktion machen wir uns also am nächsten Morgen um 06:00 Uhr auf zu unserem Bus. Und der Regen bestätigt uns schließlich in unserer Wahl. Aber jetzt heißt es erst mal geduldig sein. Denn in der mindestens 100 m langen Menschenschlange an der Bushaltestelle geben zahlreiche Tourguides noch mal alles, um möglichst viele Schäfchen für eine Tour einzufangen. Um 06:45 sitzen dann auch wir endlich in einem der Busse, der uns durch die mit Moos-Girlanden überwucherte und Luftwurzlern behangene Regenwaldlandschaft aufwärts bringt. Und nach einer weiteren halben Stunde Wartezeit sind wir kurz nach halb 8 endlich am Gelände. Dort legen wir noch ein paar weitere Höhenmeter zurück und partizipieren an den Tourguides anderer Gruppen mit, bis wir schließlich bei dem berühmten Aussichtspunkt angekommen sind. Was uns hier erwartet, lässt sich diesmal ganz einfach beschreiben: eine dicke, fette, grau-weiße Nebelwand! Yeah. Haha.
Zusammen mit vielen enttäuschten Gesichtern von diversen Tourgruppen, in denen bereits kräftig überlegt wird, welches Gruppenmitglied sich für eine Opfergabe zur Besänftigung der Wettergötter wohl am ehesten eignen würde, warten wir über 1 Stunde darauf, dass der Wind die schweren Nebelfladen aus unserer Sicht pustet. Und als es endlich so weit ist, ist die erste Reaktion der wartenden Masse ein satter Applaus mit Jubelrufen. Doch so richtig klar wird der Himmel während unseres Aufenthalts in der Inkastätte leider nie. Und auch wenn es für uns unvorstellbar ist, wie man diese wirklich beeindruckende Stätte vor so langer Zeit an diesem nicht besonders einfach zugänglichen Ort aufgebaut hat, überkommt uns diesmal – entweder wetterbedingt oder „fotoaffenbedingt“ – kein ganz so prickelndes und ergreifendes Gefühl wie wir es bereits an anderen Orten auf unserer Reise erlebt haben. Vielleicht hätten wir aber auch einfach wirklich 4 Tage Strapazen auf uns nehmen sollen, um den Ausblick etwas anders zu erleben 😉
San Salvador (Valle Sagrado)
Mitte April 2024. „Verlänger ma?!“
Nach einer Übergangsnacht in Cusco geht es für uns mit 8 weiteren Teilnehmer:inen auf ein Retreat nach San Salvador im wunderschönen Valle Sagrado de los Incas. Unsere Heimat für die nächsten 3 Tage befindet sich in einer saftig grünen Schlucht, die von einem kleinen Bergflüsschen zwischen unglaublich mächtigen Gebirgsriesen durchlaufen wird. 5 betagte Hunde und ein schwirrendes Pack Kolibris stellen das Begrüßungskomitee, bevor wir von dem breit grinsenden andinen Schamanen Danilo empfangen werden. An einem kleinen Fluss werden wir von Danilo im Zuge einer Blumenzeremonie erst mal spirituell gereinigt. Danach gibt es einen Vortrag, in dem wir viel über die Traditionen sowie spirituellen Ansichten der Schamanen aus den Anden sowie der Shipibo-Schamanen aus dem Amazonasgebiet lernen, und am Abend noch eine Mischung aus Yoga und Meditation sowie eine kleine Zeremonie, bei der die zwei Shipibo-Schamaninnen uns mit ergreifendem Gesang verzaubern, der uns helfen soll, einen besseren Blick in uns selbst zu bekommen, uns von alten Gewohnheiten zu lösen sowie neue Erkenntnisse über uns selbst zu erlangen.
Am nächsten Tag machen wir uns dann auf in einen Kindergarten, wo wir ungefähr 15 Kindern beibringen, wie man richtig Zähne putzt und außerdem ein paar Bilder malen, bevor wir uns dann in der Kleingruppe ein bisschen über unsere Leben und unsere inneren Vorgänge während der Zeremonie austauschen und dabei jedes Mal erstaunt auf den riesigen vor uns thronenden Berg blicken, auf den Danilo für seine letzte Prüfung zum Schamanenpriester nicht nur ganz alleine hinaufklettern musste, sondern dort auch eine ganze Nacht in vollkommener Einsamkeit verbringen musste. Am Abend wird dann wieder meditiert, um unsere Herzen zu öffnen und unsere Köpfe mit positiven Gedanken zu füllen für die anschließende Zeremonie mit den Schaman:innen.
Am letzten Tag versammeln wir uns noch einmal an einer anderen Stelle am Fluss, wo wir zusammen mit Danilo eine Opfergabe inklusive einer gedanklichen Sammlung an Wünschen für Pachamama zusammenschnüren. Dabei leert Danilo ungefähr 200 verschiedene Kleinigkeiten, angefangen von Coca-Blättern und diversen Blumenblüten, über Maiskörner, Kekse, Zuckerstreusel, bis hin zu ein paar Tropfen Wein in ein Geschenkspapier und verbrennt dieses anschließend begleitet von einem echten Musiker und unserer Gruppe als Hilfsmusikanten. Gerne wären wir noch länger an diesem kraftvollen Ort geblieben.
Huacachina & Paracas
Anfang zweites Drittel April 2024. „Da wülst no aufi, gö?“
Eigentlich hatten wir ja schon ein Workaway-Arrangement und wollten nach unserem Retreat direkt zu einem Landhaus nach Albancay fahren. Leider hatte uns der Gastgeber aus familiären und gesundheitlichen Gründen jedoch kurzfristig absagen müssen. Unseren Plan, noch einen Abstecher zum Titicaca-See zu machen, haben wir schließlich bei einem Temperaturen- und Höhenmetercheck sowie in Anbetracht von Matthias Brustklemme, die bei Steigungen jeden Atemzug zu einem kleinen ermüdenden Kampf macht, gegen einen neuen Plan – nämlich an die Küste zu fahren – eingetauscht. Denn am Meer waren wir eigentlich schon lange nicht mehr. Also rein in den absoluten Highlevel-Nachtbus und ab Richtung Ica.
Was wir zwar vage am Schirm hatten, aber dann doch mit naiver Hoffnung versucht hatten zu verdrängen, war, dass unsere Sitz- bzw. Liegeplätze in der oberen Etage eines Doppeldeckerbus sein würden und der Weg nach Ica sehr kurvenreich sein sollte. Wie loses Obst in einem leeren Kofferraum sind wir den Fliehkräften und Schwingungsamplituden machtlos ausgeliefert und die Freude über den grundsätzlich hohen Liegekomfort lässt schon sehr bald nach. Etwas angedepscht kommen wir nach knapp 20 Stunden Fahrt also in Ica an und fühlen uns hier ein bisschen, als wären wir wieder in Indien gelandet: Neben vermüllten Gehsteigen, die uns bewusst machen, wie außerordentlich sauber Cusco eigentlich war, dreckigen Hausfassaden und ständigem Gehupe lassen vor allem Tuktuks diesen über 30° Grad heißen Wüstenort ungemütlich, laut und hektisch wirken. Wir nehmen es wie es ist, steigen in ein Tuktuk und springen erstmal in den erfrischenden Pool unserer Unterkunft, bevor wir uns in einer kleinen Straßenbude, deren Werbeträger Comic-Hendln sind, die für ihre eigenen Leiber in unterschiedlichen Garzuständen werben, laben. Nach einem kurzen Powernap geht’s direkt zur nahegelegenen Oase Huacachina, die in der Peruanischen Wüste liegt. Hier werden wir bei der Ankunft – wie soll’s auch anders sein – sofort von emsigen Keiler:innen in die Mangel genommen und uns das reichhaltige Angebot der Örtlichkeit vorgestellt. Von Sandboarding über Wüstenbuggy-Ausflüge bis hin zu „Candle Light Dinner in the Dunes“ ist hier nahezu alles möglich. Wir entscheiden uns erst mal für die Erkundungstour auf eigene Faust, besteigen die wohl höchste Düne in der näheren Umgebung und geben uns glücklich zufrieden mit dem traumhaften Ausblick über die endlosen Sanddünen, während die Sonne langsam am Horizont versinkt.
An Tag 2 wird es dann das Touristenprogramm. Zum Frühstück gibt’s erst mal Abgase von unserem klapprigen Tourbus, der uns Richtung Paracas zu einem Motorboot bringt, das mit uns in weiterer Folge zu den Ballestas-Inseln – den sogenannten „Kleinen Galapagos“ – schaukelt. Die Tour führt uns zunächst zu Geoglyphen, die einen Kandelaber formen. Danach nähern wir uns einer übelst riechenden Felseninsel, die von Pinguinen, Seelöwen und einer Vielzahl von Vögeln bewohnt und als Klo benutzt wird. Nachdem sich unser Boot mehrmals vor jedem angeschissenen Felsen im Kreis gedreht hat, damit auch wirklich jeder Passagier mindestens 300 Fotos aus allen Perspektiven und Winkeln in den Kasten bekommen hat, tuckern wir wieder zurück, um uns noch ein wenig durch den Paracas-Nationalpark zu bewegen. Auf der Fahrt zum Mittagessen erklärt uns der Tourguide, dass er uns (natürlich!) zu dem besten Restaurant bringen werde und wir uns keinesfalls von den anderen Restaurantbesitzer:innen „austricksen“ lassen sollen, die uns falsche Angebote machen, um uns anzulocken. Dort angekommen versucht ein Keiler eines anderen Restaurants, der mit seinem Quad um uns herumfährt wie um eine Herde Schafe, lautstark dagegen anzukämpfen, dass unser Tourguide seinen gesamten Bus in eines der Provisionsstandeln treibt, indem er lauthals schreit: „You don’t have to go to the restaurant of your guide. There are also other good restaurants. Don’t let them fool you!“. Spätestens jetzt haben uns alle zusammen überzeugt, unsere Mägen auf das Abendessen zu vertrösten. Wir boykottieren diesen Kampf um (das Geld der) Tourist:innen, essen unsere letzten zwei Bananen und drehen eine Runde am Strand, um in Ruhe ein paar Muscheln und Steine zu sammeln sowie Tierkadaver zu bewundern.
Lima
Knapp vor Ende April 2024. „Aha. Und des soll ane von de Hauptsehenswürdigkeiten sein?“
Auf unserer Fahrt mit Perúbus von Ica nach Lima werden wir diesmal zu Opfern des ultimativen Levels der Audio-Rücksichtslosigkeit. Eigentlich sind wir es ja bereits gewöhnt, dass man in Südostasien sowie in Südamerika wenig Rücksicht darauf nimmt, dass Mitreisende in einem Bus, Zug oder Flugzeug grundsätzlich wenig Interesse daran haben könnten, Telefongespräche, Videos oder Musik, die über das Handy auf maximaler Lautstärke abgespielt werden, mitzukonsumieren, aber auf unserer 4,5-stündigen Busfahrt sind wir schließlich dem kompletten Wahnsinn ausgesetzt. Denn zu den aus jeder Busreihe von Individuen abgespielten Videos und Playlisten sowie den noch lautstärker geführten Telefongesprächen lässt man hier zusätzlich noch über die Buslautsprecher Filme auf voller Lautstärke laufen – ganz unabhängig davon, ob überhaupt irgendein Businsasse auf den Bildschirm blickt oder nicht. Aber versuchen wir es positiv zu sehen: Nach diesem Ohrenterror kommt uns der Tumult, der uns beim Ausstieg zur Rushhour in Lima erwartet, nur mehr wie ein sanftes Ohrensausen vor.
An unserem ersten Abend, an dem wir bei unserer ersten Erkundungstour im Stadtteil Miraflores in einem modernen Einkaufscenter landen, bemerken wir, wie lange wir schon keine Geschäfte mit hochwertigem Design, Glasfassaden und moderner Beleuchtung mehr gesehen haben. Auf uns wirkt plötzlich alles mega futuristisch, höchst steril und irgendwie auch herzlos. In der Hoffnung, am nächsten Tag bei einer Free Walking Tour durch die Altstadt, die wie so viele andere südamerikanische Hauptstädte im Schachbrettmuster konzipiert ist, vielleicht auf das Herz Limas zu treffen, sehen wir zwar viele architektonisch anmutende Gebäude, bemerken aber schnell, dass diese alle unbewohnt und dem Verfall nahe sind. In manchen dieser historischen Häuser stecken dazu im Erdgeschoss noch billige Geschäfte, die Handyhüllen oder ähnlichen Plastikramsch verkaufen, bei anderen werden die kolonialen Holzbalkone mit ihren brüchigen Fensterscheiben von ein paar Holzlatten gestützt. Unser Stadtführer Jorge, der aussieht als wäre er hauptberuflich Türsteher und/oder Hooligan und der zur Untermalung seiner Geschichten unter anderem steppt oder sich kurzerhand tot stellt, erklärt uns, dass all die wunderschönen Gebäude, in denen früher nur die reichsten der Reichen wohnten, heute staatlich geförderte Sozialwohnungen seien, für die jedoch geplant sei, sie zu restaurieren und somit wieder in hochwertige Wohnungen zu verwandeln. Dementsprechend ist das in vielen anderen Hauptstädten kaum leistbare Altstadtzentrum in Lima eine der günstigsten Gegenden. Ansonsten erfahren wir noch, wie vor allem Chinesen die Sklaven in Peru abgelöst und die peruanische Küche nicht nur bereichert, sondern im Grunde übernommen haben und dabei vor allem dafür gesorgt haben, dass Essen für jedermann leistbar ist, dass in Peru der zweite Nationalsport (nach Fußball) Essen ist, und dass aus dem Brunnen auf Limas Hauptplatz am Pisco Day statt Wasser mehrere Tausend Liter an Pisco sprudeln.
An den weiteren Tagen in Lima besuchen wir dann noch den wenig spektakulären, aber dafür ordentlich nach Chlor riechenden Agua Park, den wir uns irgendwie aufregender vorgestellt hatten und der zu einem Drittel geschmacklos mit Plastikblumen geschmückt, mit grell leuchtenden Blinklichtern überhäuft und mit sich gegenseitig übertönenden und im 15- bis 20-Sekundentakt wiederholenden Lautsprecherdurchsagen gestaltet ist. Als wir dann auch noch den Parque de Amor besucht haben, der auf Tripadvisor zusammen mit dem Wasserpark bereits zu den höchstgereihten „Attraktionen“ Limas zählt, wissen wir schließlich, dass wir diese Stadt wohl kaum jemandem weiterempfehlen brauchen – es sei denn, man hat ein Faible für Holzbalkone aus der Kolonialzeit oder man surft gerne.
Krims Krams
Und zuletzt wieder die kleine Schublade, in der man alles Mögliche findet. Wir hatten schon befürchtet, es würden diesmal nur Steine werden, aber letztlich sind uns doch noch ein paar Pflanzen und Tierchen vor die Kamera gelaufen 😀